DIE BEIDEN ANAS

Zur Magdalena Freys digitaler Bilderserie über Anna Brus

von Johanna Schwanberg

 

Rechts im Vordergrund ist eine sitzende junge Frau zu sehen – gekleidet in ein schwarzes Negligé. Auffallend ist der selbstbewusste Blick, mit dem die attraktive Frau in die Ferne blickt. Der rechte Arm überschneidet sich mit einem Foto im Hintergrund, auf dem ein nackter weiblicher Körper aus der Untersicht zu sehen ist – gemeinsam mit dem weißbemalten Konterfei eines Mannes. Auf das Foto tropft Blut einer weiteren „Bildebene“. Es stammt von einer Arterie, die mittels einer Schere gerade durchtrennt wurde; durchtrennt von einer weiblichen gemalten Hand, dargestellt am oberen Bildrand.

Die vielschichtige digitale Fotomontage stammt aus Bilderserie „Ana Brus“ (2007) von Magdalena Frey. Durch die Kombination mehrerer Ausschnitte von Bildern unterschiedlicher Herkunft erzählt es die Geschichte von Anna Brus – und porträtiert somit eine faszinierende und einflussreiche Frau der Wiener Avantgarde nach 1945.

Anna Brus, seit mehr als vierzig Jahren mit Günter Brus verheiratet, war die wichtigste weibliche Akteurin der Wiener Aktionisten. Sie hat in Schwarzkoglers „Hochzeit“ (1965), in Otto Mühl-Aktionen wie „Materialaktion Nr. 27: St. Anna“ (1966), vor allem aber in Aktionen ihres Mannes Günter Brus wie „Ana“ (1964), „Transfusion“ (1965) oder „Silber“ (1965) mitgewirkt. Günter Brus weist in seinen poetischen Erinnerungen „Das gute alte Wien“ (2007) auf ihre Bedeutung hin: „Ana sollte später für meine Kunst und auch für die Kunst meiner Kollegen eine enorm wichtige Rolle spielen. Sie ließ sich von Spermüll versumpfen, war die weiße Braut für Montenegros erste Aktion ,Hochzeit‘ und besorgte für Schlacht Blut aus dem Schlachthaus Sankt Marx. […] Ich war ein Rebell, und Ana verstärkte meine Meuterei durch ihre Rebellion. Mir ist heute noch ein Rätsel, woher sie diese Kraft bezog dieses Elendsleben in Wien durchzustehen und sich noch dazu intensivst an den Aktionen zu beteiligen. Wahrscheinlich lag es an ihrer Vita, an ihren Erfahrungen als Flüchtlingskind, als Ausgegrenzte.“1

Brus schildert Anna Brus’ traumatische Kindheit – führt ihr politisches Engagement und ihre Unangepasstheit auf die widrigen Umstände zurück, unter denen sie aufwuchs. 1943 im kroatischen Viškovci als Ana Steiner und Tochter einer angesehenen Bauernfamilie geboren, wurde sie bereits als Eineinhalbjährige aus ihrer Heimat vertrieben und musste über Ungarn nach Österreich flüchten, wo die Familie jahrelang keine feste Bleibe hatte.

Anna Brus’ Bedeutung reicht über die konkrete Mitwirkung an den Aktionen weit hinaus. Nicht nur, dass sie als ausgebildete Schneiderin jahrelang den Lebensunterhalt für die Familie bestritt, sich für die Umwandlung von Brus’ Haft- in eine Geldstrafe einsetzte, war sie auch in die Diskussionen rund um die Entstehung der Aktionen und die theoretische Formierung des Aktionismus eingebunden. Für Anna Brus, stets politisch und sozial höchst engagiert, war die Mitwirkung an den Aktionen ein Mittel, um sich zu artikulieren: „Mir hat es ungemein viel bedeutet, weil ich damals schon gewusst habe, dass ich ausbrechen will aus dieser furchtbar verlogenen Gesellschaft – aus dieser katholischen Prüderie. Ich wollte eine sein, die mit der ganzen Gruppe mitschreit, um gehört zu werden. Damals hätte ich es nicht so wie heute formulieren können, aber ich habe gespürt, dass ein Aufschrei notwendig ist, damit sich etwas in der Gesellschaft ändert.“2

Vor allem ging es ihr um die Situation der Frauen, auch wenn es Jahrzehnte des Bewusstwerdungsprozesses gebraucht hat, bis sie dies artikulieren konnte. Noch heute tue es ihr leid, so Anna Brus, „dass die Frauen damals keine Stimme hatten“: „Sie waren stumm, sind neben ihren Männern gesessen und haben hin und wieder vielleicht genickt oder verneint. Erst langsam hat man etwa aus Frankreich gehört, dass es dort emanzipierte Frauen wie Edith Piaf oder Simone de Beauvoir gibt. Aber das war für uns alles sehr weit weg. Bei uns hat man damals in den 60er Jahren das Gefühl gehabt, die Frauen befinden sich unter einer ,unsichtbaren Burka‘! Aus dieser ,Burka‘ auszubrechen war ein großes Anliegen.“3

Ana Brus ist auf vielen Aktionsfotos präsent. Dennoch kommt ihr erst in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit zu – in Form von künstlerischen Arbeiten („Lora Sana“ von Carola Dertnig, 2005) oder in wissenschaftlichen und journalistischen Texten.4

Dies liegt zu einem daran, dass Anna Brus sich lang der Öffentlichkeit entzogen hat, vor allem aber daran, dass die Mitwirkenden bei Aktionen der Wiener Aktionisten marginalisiert wurden – sowohl von der Forschung als auch von den Künstlern selbst, wie Anna Brus meint: „Ich denke, die Künstler haben jahrelang versäumt zu sagen, dass sie mit Menschen zusammengearbeitet haben. Wenn sie die Namen nicht nennen, wer soll es dann tun? Lange war auch in Texten nur von ,dem Modell‘ die Rede, und ,das Modell‘ hatte keinen Namen.“5

Magdalena Freys digitales Bild würdigt Anna Brus als Akteurin des Aktionismus, indem es eine der wichtigsten Aktionen, bei denen sie mitwirkte, in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Im Zentrum des Bildes ist ein Foto aus der Aktion ,Transfusion‘ zu sehen – jener Aktion, die Günter Brus gemeinsam mit seiner Frau Anna im Herbst 1965 im Perinetkeller realisierte. Die Aktion sticht sowohl thematisch als auch formal aus dem Frühwerk von Brus heraus. Erstmals wird hier der strenge Schwarz-Weiß-Kanon durchbrochen und Farbe in die Aktionskunst integriert. So streut Brus gelbes, rotes und blaues Pigment auf den Frauenkörper. Dieser steht im Kontrast zu dem weißbemalten Kopf des Künstlers und den verletzenden Werkzeugen, die Brus in die Aktion einbringt. Als zentrales Element fungieren neben einem blauen Stöckelschuh eine Perlenkette und Plastikschläuche. Sie verbinden den Akteur und die Akteurin und machen die in dieser Aktion angestrebte Geburtsthematik evident. Die angedeutete Selbstverletzung vorhergehender Aktionen wird hier innovativ mit sinnlich-erotischen Aspekten kombiniert.

Auf Magdalena Freys Bild wird das Aktionsfoto aus „Transfusion“ in einen größeren Zusammenhang gestellt. Durch die Montage in einen Bildausschnitt aus dem Frida-Kahlo-Bild „Die zwei Fridas“ (1939) ergibt sich eine andere Lesart des Brus’schen Aktionsfotos. Zunächst fallen die formalen Überschneidungen auf. Sowohl auf dem Aktionsfoto als auch auf dem Kahlo-Bild geht es um die Verbindung zweier Personen durch eine rote Schnur. Auf beiden Bildern spielen Identitätsfindung und der Umgang mit körperlichen und seelischen Schmerzen eine zentrale Rolle. Auf dem Aktionsfoto stehen Günter Brus und Anna Brus mittels Schläuchen miteinander in Verbindung – auf dem Gemälde von Frida Kahlo sind es zwei unterschiedliche Darstellungen ihrer selbst.

Bewusst hat Magdalena Frey das bekannte Doppelporträt von Frida Kahlo in ihre Arbeit eingebaut, denn zu dieser hat Anna Brus eine besondere Beziehung: „Sie fasziniert mich, weil sie eine sehr politische Person war, wie die Freundschaft mit Trotzki zeigt und weil sie für ihren Schmerz in der Kunst ein Ventil gefunden hat.“6 Dass Anna Brus sich gerade für dieses Doppelporträt interessiert, liegt auf der Hand, denn auch sie kennt zwei Identitäten. Auf der einen Seite die kroatische Herkunft, wofür auch ihr Geburtsname Ana steht, auf der anderen Seite Anna – sozialisiert im Österreich der Nachkriegszeit. Magdalena Freys Bilderzyklus zeigt verschiedene Seiten von Anna Brus. Er verbindet Bilder der Gegenwart und der Vergangenheit – Alltagsfotos und Aktionsfotos und zu einem komplexen Gewebe, in dem die schwierige Situation von Frauen der Nachkriegszeit in einer von Männern dominierten Kunstwelt zum Ausdruck kommt. Da gibt es eine dreiundzwanzigjährige Anna Brus zu sehen, verbunden durch eine symbolische Schnur mit ihrem Aktionisten-Mann. Zugleich finden sich in der Serie Porträts einer vitalen und attraktiven Sechzigjährigen, die ihre in den siebziger Jahren gefertigten Stickbilder stolz herzeigt. Anna Brus fasziniert, weil sie unterschiedliche Frauenbilder gleichzeitig in sich verkörpert, weil Anna und Ana stets gleichzeitig präsent sind. Und weil sich anhand ihrer Vita und der Wahrnehmung ihrer Person der Wandel im Umgang mit Frauen spiegelt.

Anna Brus konnte sich im Umkreis der Wiener Avantgarde einflussreich behaupten – ihre oft unbequeme Meinung äußert sie bis heute lautstark. Sie interessiert Künstlerinnen und Theoretikerinnen, weil sie auf den Aktionsfotos stets gegenwärtig und dennoch so lange unsichtbar war. Auch, weil sie ihre Rolle wo anders, als in der Realisation eines eigenen künstlerischen Weges gesehen hat – und sich dennoch als Frau in ihrem engagierten und mitwirkenden Handeln verwirklicht hat. Ob sie je daran gedacht selbst eine Aktion zu machen: „Als Frau allein? Unmöglich! Das lag ganz außerhalb jeder Vorstellung. Es war auch nicht mein Ehrgeiz, mich allein herauszukristallisieren“ 7, sagt Anna Brus rückblickend – und wirkt bewusster als so mancher männlicher Kollege, dessen Werk mittlerweile Kunstgeschichte geschrieben hat.

 

1 Günter Brus, Das gute alte Wien, Salzburg und Wien 2007, S.67 und 73.

2 Zit. nach: Akteurinnen im Aktionismus. Anna Brus und Carola Derting im Gespräch mit Johanna Schwanberg, in: Carola Derting, Nachbilder einer ungleichzeitigen Gegenwart, Innsbruck – Bozen – Wien 2006, S. 49.

3 Ebenda.

4 Vgl. Johanna Schwanberg, Bild-Dichtungen, Wien 2003 oder Peter Roos, Der pure Mensch, in Zeit, Feuilleton, 22. März 2007. S. 56.

5 Zit. nach Akteurinnen im Aktionismus, S. 49.

6 Aus einem Gespräch mit der Autorin am 22. März 2007.

7 Zit. Nach Akteurinnen im Aktionismus, S. 50.