Magdalena Frey, Fotografische Anthropologie

von Alexandra Schantl

 

Hermann Nitsch hat einmal anlässlich einer Ausstellungseröffnung von Magdalena Frey davon gesprochen, dass sie in ihren vielschichtigen und assoziationsreichen Fotocollagen „moderne bildpsychoanalyse“ betreibe: „hier wird plastisch unsere natur gezeigt. das sind wir. das sind unsere organe. das sind unsere triebe. das ist unsere sexualität. das ist […] unser wollüstiges und schmerzensreiches hiersein.“1 Daran anknüpfend ist es auch nicht verfehlt, zu behaupten, Magdalena Frey betreibe fotografische Anthropologie, wobei sich seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit das Themenfeld des Weiblichen immer mehr zum Mittelpunkt ihres Interesses entwickelt hat. Ihre Aufmerksamkeit gilt insbesondere der Darstellung und Erforschung der unterschiedlichen kulturellen Repräsentationen des weiblichen Körpers.

Abgesehen davon, dass der Körper seit jeher als zentraler Forschungsgegenstand der Anthropologie gilt, kommt in Freys Werk noch ein anderer, für die Körpererfahrung maßgeblicher Aspekt hinzu: Nämlich dass in der Fotografie die Anwesenheit des Menschen und die Abwesenheit des Körpers unauflösbar ineinander verwoben sind. Und drittens ist im Hinblick auf die europäische Zivilisationsgeschichte zweifellos auch die zunehmende Disziplinierung des Körpers zu berücksichtigen, die dazu führte, dass der moderne Mensch infolge der Erhöhung der Scham- und Peinlichkeitsschwellen in wachsendem Maß von seinem Körper Abstand nimmt, ihn weitgehend „abstrahiert“ und als in sich geschlossen und abgeschlossen wahrnimmt.2 Diesem Umstand scheint Magdalena Frey mit ihren digitalen Fotocollagen – bewusst oder unbewusst – entgegenwirken zu wollen. Dass sie sich von Anfang an für die Technik der Collage – zunächst im analogen und seit Mitte der 1990er-Jahre im digitalen Verfahren – entschieden hat, ist keineswegs Zufall, sondern ermöglicht der Künstlerin in „disziplinierter Form“, sich sowohl thematisch als auch ästhetisch über Tabus der Gegenwart hinwegzusetzen ohne dabei die seriöse Auseinandersetzung mit ihren Werken im Kunstkontext zu gefährden. Zumal etwa Darstellungen des weiblichen Genitales noch immer vornehmlich der Pornographie zugerechnet werden oder andernfalls zumindest (Ab-)Scheu hervorrufen, in jedem Fall aber als nicht bildwürdig erachtet werden. Ähnlich trifft dies auch auf die bildliche Anschauung des Geburtsvorganges und „unästhetische“ Veränderungen des weiblichen Körpers zu. Dabei hätten, so Dietmar Kamper, Bilder den Zweck, die Wunde zuzudecken, aus der die Menschen stammen, so dass jedes Bild im Grunde „sexuell“ sei. Das hat letztlich auch mit der Angst vor dem Tod zu tun, die der Mensch durch die Vervielfältigung des Körpers in Form von Bildern zu bewältigen sucht.3

Genau hier setzt Magdalena Frey mit ihrer künstlerischen Arbeit an. Indem sie Schärfe und Unschärfe, Total- und Detailansichten variiert, eigene mit fremden fotografischen Aufnahmen kombiniert, de- und rekontextualisiert, gelingt es ihr, den Blick möglichst direkt auf das zu lenken, was Angst macht. Sie thematisiert das, was tunlichst aus dem Bewusstsein verdrängt wird: Wie zum Beispiel in der Werkreihe „Frauensache“ den von einer Krebserkrankung schwer gezeichneten Körper einer Frau oder wie in „girls cut“ die Beschneidung von Frauen (Infibulation), die in manchen Kulturen – als Zeichen der (männlichen) Herrschaft über die Öffnung des weiblichen Körpers – nach wie vor praktiziert wird. Andererseits gilt Freys fotografisches Interesse aber auch dem häuslichen und gesellschaftlichen Lebensalltag von Frauen und ihrem jeweiligen (sozio)kulturellen Hintergrund, wobei sie ihre „Feldforschungen“, vom Weinviertel ausgehend, mittlerweile um die halbe Welt geführt haben. Die fotografischen Bilder, die dabei entstehen, dienen allerdings nicht als Mittel zur Aufzeichnung existentieller Wahrheiten, sondern werden vielmehr in Freys persönliches Archiv eingespeist, aus dem sie deterritorialisiert und in unerwarteter Kombination mit anderen Bildern wieder auftauchen, um in dieser Verdichtung die Effekte der Differenz aufzuspüren und zu artikulieren. Wenn beispielsweise in dem Zyklus „Maria M“ Porträts muslimischer Frauen einer christlichen Pietà gegenübergestellt werden, überlagert und verschränkt sich dieses synthetisch erzeugte Bild mit den mentalen Vorstellungen des Betrachters. – „Eine Promiskuität der Bilder entsteht. Rauschhafte Spiele mit Simulakren und Simulationen entwickeln sich: äußerste Differenzierung der Bilder bei gleichzeitiger Implosion der Differenz. Die Bilder als Bilder sind die Botschaft.“4


1 Hermann Nitsch, in: „Magdalena Frey. Arbeiten/Works 1989-2007“ (hrsg. von: the23project art-gallery, Los Angeles), S. 46

2 Vgl. Christoph Wulf, „Anthropologie. Geschichte – Kultur – Philosophie“, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 147

3 Vgl. ebd., S. 233 f.

4 Ebd., S. 238


Dieser Text erschien in EIKON - Internationale Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Heft 65, 2009