Bilderverbot für das weibliche Geschlecht

von Lydia Andrea Hartl

 

Fast alles kann man heute in der Kunst zeigen, viele Tabus sind gefallen, aber eines besteht nach wie vor: das Bilderverbot für das weibliche Geschlecht. Von einer kurzen Phase in der feministischen Kunst der 70er Jahre abgesehen gehören Darstellungen der klaffenden Vulva in das Reich der Pornographie.

Warum schockiert heute eine solche Darstellung immer noch so sehr? Das archetypische Vorstellungsbild des weiblichen Genitales als verschlingendes Organ ist zweifellos in unserer gegenwärtigen Welt noch lebendig. Wie auf den Pinups und in der Werbewelt bis zum Überdruß gezeigt, orientiert sich der Bezug der männlichen Lust auf die sekundären Geschlechtsorgane, auf die glatten Rundungen von Brüsten, Gesäß, Hüften, Beinen und Bauch. Aber auf das Organ, aus dem wir alle einst entsprangen, wird nicht geblickt. Die Angst ist zu groß, es könnte einen genauso zurückverschlingen, wie es einen geboren hat. Und was man sieht, entspricht nicht den apollinischen Gesetzen der Ästhetik: eine amorphe, asymmetrische, als Ganzes gestaltlose Öffnung ins Dunkle von grausiger Farbe, feucht, wie ein Vulkan aus dem Erdinneren Flüssigkeiten, riechende Säfte, Schleim und Blut herausstoßend, umgeben von einer Mandorla von Haaren.

Die Gleichsetzung des weiblichen Genitales und Mund hat eine lange Tradition. Die gebärende und verschlingende Urmutter erscheint in jedem sexuellen Akt, in dem das geformte Männliche im ungeformten, diffusen, feuchten Schlund verschwindet und von ihm wieder ausgespieen wird, nicht ohne seine Substanz, den Samen, im Dunklen aufgenommen zu haben.

Ihr organisches Substrat, die Gebärmutter, wird bereits in den ältesten heilkundlichen Schriften als wildes Tier beschrieben, das sich im Körper losreißen, aus ihm entfahren kann, zeitweilig geistige Verwirrung und große Schmerzen verursacht und mit mächtigen Zauberformeln zurückgelockt werden muss. Als Bezeichnung für ungeklärte Schmerzen und Lähmungen hat sich dementsprechend bis heute der Begriff der Hysterie gehalten.

Als Metapher für Gebärmutter und Vulva findet man seit dem Jungpaläolithium bis ins 20. Jahrhundert die Kröte, todbringendes Tier des Feuchtdunklen, Metamorphose der Hexen, im süddeutsch-österreichisch-slawischen Sprachraum oft vernommenes Schimpfwort für Frau. Nicht umsonst wird der Vereinigungsakt der beiden Geschlechter auch als "petit mort", kleiner Tod des Mannes, oder Tod des "kleinen Mannes", des Penis, bezeichnet. Und nicht umsonst wird früher wie heute das Tor zur Hölle als Schlund, rot und feucht und dunkel, bezeichnet und dargestellt. Visionäre Reisen zur Hölle lesen sich oft als umgekehrter Geburtsvorgang mit größten Ängsten und Qualen. Der nordamerikanische Indianermythos der Vagina dentata ist ein direktes Sinnbild weiblicher Macht und männlicher Angst. Metaphorisch hat jede Vagina verborgene Zähne: Das Männliche kommt mit weniger heraus, als es eintritt. Das ist die Grundstruktur der Empfängnis: Sie verlangt vom männlichen Geschlecht Aktivität, vom weiblichen aufnahmebereite Passivität. Der latente Vampirismus der Frau, das Aufsaugen männlicher Energie durch weibliche Fülle, ist Antezedens und Konsequenz der mütterlichen Funktion. Im sexuellen Akt wird der Mann gefressen und wieder ausgespieen, von der zähnebewehrten Macht, die ihn einst gebar.

Die Vulva also lebt von ihrer Rolle als Gebärerin und Todbringerin zugleich, und dementsprechend ist sie und auch ihre Symbole ambivalent, hüten im Volksglauben Haus und Schätze, sind selbst mit dem Auferstehungsglauben verbunden, aber repräsentieren auch Wollust, Geiz, das Böse und die Sünde schlechthin, werden von Schlangen gefressen und vor dem Kreuz zertreten.

Dies reicht, um sich die Scheu vor ihrer Ansicht und auch Zur-Schau-Stellung zu erklären. Der Schock wirkt heute noch. Da half auch dem Feminismus nicht viel, der versuchte, die Vulva "gereinigt" zu erheben höchstens im Selbstverständnis der Frauen untereinander.