Magdalena Frey über Susanne Wenger

von Wolfgang Denk

 

„Ich wurde“, erzählte Susanne Wenger 1984 in ihrem Atelier in der Ibokun Road, in Oshogbo, im Zentrum des Yoruba-Landes in Nigeria, wo sie seit fünfzig Jahren lebt, „in der damals noch ländlich-vorstädtischen Grazer Nernstgasse 1915 geboren. Es war in einer Villa mit einem Garten, wo eine Gruppe monumentaler Fichten stand, prächtig rot in der Morgensonne. Eichhörnchen, die Bewohner dieser Bäume, bewegten sich rasch durch Zweige der alten Nadelbäume, von Spitze zu Spitze. Diese Fichten und eine mächtige Linde waren“, sagt Susanne Wenger, „meine ersten Universitäten. Meine Wiege stand jeden Nachmittag unter dem Baldachin des riesigen Laubbaumes. Die übrige Welt um mich herum konnte ich kaum wahrnehmen, aber über mir entfalteten sich die vielfach verwobenen Diagramme der Äste des alten Baumes im wechselndem Gegenlicht – Erinnerungen und gleichzeitig in die Zukunft also in die Gegenwart fokussiert, die arterienähnlich geäderten Motive der Koordinaten meiner Textil-Batikarbeiten, meiner Malerei und auch der Skulpturen in den "Sacred Groves Oshogbo“. Gewaltige Skulpturen und Architekturen die sich formal schon in Wien und Graz 1947 in ihrer Malerei ankündigten.

Susanne Wenger: “Meine Projekte sind vielleicht ... winzige Blätter am Baum des Lebens - dem Logos geweiht - der das sakrale Zentrum des Universums und die Quelle allen Lebens ist."

Eine wichtige Rolle hat Susanne Wenger auch bei der Befreiung Nigerias aus der Kolonialherrschaft und vor allem bei der Erhaltung der traditionellen Yoruba-Religion eingenommen. Für dieses Engagement wird Susanne Wenger in Afrika hoch geschätzt. Der Kampf für die Erhaltung der Regenwald-Baumriesen und der religiösen Tradition der Yoruba war schwierig und ist auch schwer zu gewinnen. Susanne Wenger wurde zwischen 1950-1956 von einem der letzten alten Hohepriester der Yoruba Religionen dem Ajagemo von Ede zur Olorisha initiiert. Olorisha sind Initiierte, Priester und Priesterinnen und Mytho-Poeten der Yoruba-Orisha-Religionen.

Durch ihre Aktivitäten war und ist sie auch mit vielen führenden afrikanischen Intellektuellen und Künstlern wie dem Literaturnobelpreisträger von 1986, Wole Soyinka, oder dem Jazzmusiker und Provokateur Fela Kuti in freundschaftlichem Kontakt.

Ihr Werk galt im Tausendjährigen Reich als entartet. In Afrika wird sie zur weltweisen Künstlerin eines riesigen Gesamtkunstwerkes, die so wie in den dramatischen Zeiten in Österreich immer auch im Widerstand zu der Normalität des Etablierten stand.

Obzwar Susanne Wenger Graz als „Entartete“ nach 1940 im letzten Augenblick „für immer“ den Rücken kehrte, Freunde aus dem Widerstand wurden von den Nazis brutal massakriert, hat sie im Herzen, sagt sie „die Steiermark gar nie wirklich verlassen.“

Magdalena Frey kommt ebenfalls aus der Hauptstadt der Steiermark aus Graz. Fast fünfzig Jahre und einen Weltkrieg später als Susanne Wenger geboren, könnten biographische Gemeinsamkeiten nur über unterbewusste Konzeptoren zu parallelem Lebensmythen führen.

Jedenfalls befand sich Magdalena Frey in meiner Reisegruppe, die zu den großen traditionellen Feierlichkeiten aus Anlass des neunzigsten Geburtstages von Adunni Olorisha Susanne Wenger im Palast des Königs Ataoja von Oshogbo fuhr.

Magdalena Frey behandelte nicht nur einen der höchst initiieren Priester und berühmten „Doctor“ der „Native Medicine“ des Yoruba Kulturkreises Chiefpriest Shangodare Gabdegesin Ajala , den Adoptivsohn Susanne Wengers, mit Heilmassagen, sondern sie tat das wofür sie seit langem bekannt ist, sie fotographierte.

Intuition und Phantasie, scharfe Beobachtungsgabe, sensibles „hineinmeditieren“ und künstlerische Neugier sind Magdalena Freys Werkzeuge um bestimmte Phänomene sichtbar zu machen, die sehr häufig Frauenschicksale fokussieren. Magdalena Freys Überzeugung von einer „mythischen“ Verbundenheit aller Phänomene des Lebens lässt sie auch in ihren computergenerierten Bildkombinationen des Susanne Wenger Zyklus dynamische Energiefelder finden, die ihre und Susanne Wengers Lebenskosmos auf eine sehr individuelle Weise interpretatorisch verschmelzen.

Normalität und Geheimnisse der Kunst Susanne Wengers, ihrer Obsession für die Kultur der Yoruba und für den heiligen Fluss Oshun hat Magdalena Frey mit ihrer Kamera beleuchtet, belichtet und durchleuchtet, ohne die Geheimnisse durch Preisgabe zu banalisieren und damit zu zerstören. Der Gegensatz der exotischen Parallelwelten und der „wahren Existenz“ der europäischen zeitgenössischen Künstlerin wird durch den Susanne Wenger Zyklus von Magdalena Frey sozusagen verflüssigt.