Schauplatz Körper - Tatort Bild

von Edith Almhofer

 

Mit der Magie des Bildes und der Macht des Blicks spielt Magdalena Frey, die in digitalen Bildmontagen ihre individuelle Existenz thematisiert und künstlerisches Schaffen als faszinierende Möglichkeit wahrnimmt, eine mediatisierte Öffentlichkeit mitraffiniert konstruierten Bildern des Privaten zu konfrontieren. Vehement votiert sie für ein neues Konzept von weiblicher Identität. Ebenso ungeniert wie selbstbewusst wird da mit der eigenen Person experimentiert und anhand ausführlicher Bildbefunde jener Wirkmechanismus erforscht, welchem die Konstitutionsversuch eines weiblichen Selbst im Kontext der Medienkultur ausgesetzt sind. Die tragende Rolle in dieser Inszenierung kommt dem konkreten Körper, der konkreten Biographie, dem konkreten Lebensumfeld der Künstlerin zu. Die Erfahrungswelt ihrer alltäglichen Wirklichkeit ist Thema, Material und Medium des gesamten Werkes, das uns als schrankenlose Selbstschau gegenübertritt, die auch vor dem Blick auf das Intimste nicht zurückschreckt. Das karikiert nicht nur die glamourösen Frauenbilder, die im neo-bohemistischen Milieu der Cyberökonomie glänzend gedeihen und mit ihren künstlichen, auf die gängigen Stereotypen Jungfrau, Mutter, Hure zugeschnittenen Erscheinungsbildern Heerscharen von Frauen terrorisieren. Versuchsweise wird dadurch ein gar nicht so neues künstlerisches Terrain (zurück)erobert: Die Repräsentation. Damit erhebt das innovative Oeuvre eine Reihe spannender, nicht nur für die Fotografie relevanter Fragen. Inwieweit kann und will aktuelle Kunst Funktionen der Vertretung, Vorstellung oder Darstellung von individuellen oder kollektiven Erfahrungen, Wünschen, Bedürfnissen oder Interessen erfüllen? Wie relevant sind die zentralen Intentionen jeder Repräsentation, die Stiftung von Identität und die Bekräftigung von Authentizität derzeit und für wen sind sie es? Was vermag Repräsentation im Spannungsfeld von Selbstermächtigung und Stigmatisierung im Zeitalter der Globalisierung für die Unterscheidung von Eigenem und Anderem zu leisten?

Magdalena Frey fragt mit den vorliegenden Werkreihen, die sie seit 1996 unter Verwendung von Fotografien digital generiert, unverhohlen nach dem Status des Bildes in unserer Gesellschaft und versetzt der diesbezüglich seit den achtziger Jahren geführten Diskussion einen ironischen Seitenhieb: Denn jenem scheinbar unauflöslichen Widerspruch zwischen einem allerorts beklagten Bedeutungsverlust des (fotografischen) Bildes, welches im Zeitalter der Simulation nicht länger glaubwürdig sein kann, und dem unübersehbaren Bedeutungszuwachs einer allgemeinen Bild- und Medienkultur, begegnet sie mit einer radikalen Kritik an der aktuellen Politik der Sichtbarkeit und Sichtbarmachung. Auf die vermeintliche Totalität der öffentlichen Bilder und medial vermittelten Blickführungen reagiert ihr vielseitiges Schaffen mit Intervention. Indem ihre Arbeiten zu erkennen geben, was in unserer Welt eben nicht gesehen werden soll, wird die Aufmerksamkeit auf das in unserer visuellen Kultur Abwesende gelenkt, all das, was nicht wahrgenommen werden darf oder kann, was tabuisiert oder ausgegrenzt ist. Wenn etwa medizinische Bilder des weiblichen Leibes, die eine Hypervisualität des Körpers und seiner Prozesse erzeugen und dadurch den Körper, seine Gesundheit entpolitisieren, neben persönlichen Wahrnehmungen des Leibes, des Geschlechts zu stehen kommen, wird die Doktrin der totalen Sichtbarkeit unvermittelt als wirkungsvolles Herrschaftsinstrument entlarvt. Hinter dem vorgeblichen Interesse an Wohl und Gesundheit der Frauen, das den Körper letztendlich zum sprachlosen Objekt des wissenschaftlichen Diskurses macht, versteckt sich, bei genauerer Betrachtung, der Wunsch nach absoluter Kontrolle weiblicher Reproduktionsfähigkeit. Der Blick auf die feministischen Kämpfe um Selbstbestimmung, die ja wesentlich auf den eigenen Leib, die weibliche sexuelle Freiheit, wünschenswerte Reproduktionstechnologien und das Recht auf Abtreibung fokussierten, wird indessen von den wissenschaftlichen Visualisierungen des Frauenleibes nachhaltig verdeckt.

Um die herrschenden Verhältnisse zu decouvrieren, nimmt die Künstlerin einen klassischen Standpunkt ein. In Fortschreibung der Hegelschen Definition der Malerei als einer "innerlich gemachten Sichtbarkeit" erklärt sie mit ihrem Werk Sichtbarkeit und Sichtbarmachung. zu den eigentlichen Domänen der Kunst und steuert die Funktionen und die Typologien der Bilder neu aus. Sie richtet den Blick auf das, was dem kulturellen Mainstream nicht bildwürdig ist. Um Verständlichkeit und Deutlichkeit zu gewährleisten bedient sich Magdalena Frey mit raffiniertem Kalkül eben jener visuellen Strategien, die uns von den modernen Bildmedien bestens vertraut sind. Sie kombiniert disparate, zeitlich und räumlich unzusammenhängender Bilder der Wirklichkeit und klittert in ihren digitalen Montagen realistische Fotografien zu großflächigen, opulenten Bildteppichen. Im Gegensatz zu den elektronischen Medien, die mit ihrer raschen Abfolge von Schnitten eine dynamische Linearität von Wirklichkeit propagieren, leistet die künstlerische Inszenierung allerdings eine radikale Entschleunigung. Zwar faszinieren die fein gewebten Kompositionen mit einer Explosion von Blickpunkten und durcheinander gewirbelten Bildebenen. Doch die Arbeiten beeindrucken gleichermaßen durch die Verdichtung von Information. Sie präsentieren vielfältige fotografische Fixierungen des Augenblicks, in denen das Leben zum Stillstand gekommen aber zugleich beobachtbar geworden ist. Dieses Verfahren der Selektion geht mit einer Radikalisierung und Kontextualisierung einher, wobei fragmentierte Körperbilder, symbolische aufgeladene Ausschnitte sowohl mit öffentlichen, medial vermittelten Frauenbildern als auch privaten Fotografien konfrontiert werden. Dabei wird auf bislang ungekannte Weise sichtbar, was in unserer Bildkultur von weiblichen Lebenszusammenhängen laufend ausgeblendet und unterdrückt wird: Die unterschiedlichen Facetten in welchen Frauen ihr Dasein und ihre Lebenszusammenhänge wahrnehmen.

Die Direktheit, mit der die Künstlerin den weiblichen Körper fotografisch erkundet, erteilt dem Konzept des Obszönen eine klare Absage. In mannigfaltigen Wechselbildern wird der Blick auf das weibliche Geschlecht ohne jede Schamhaftigkeit variiert. Dies konterkariert nicht zuletzt jedes voyeuristische Moment, welches stets mit dem Nahverhältnis der Scham zum Sehen spekuliert. An die Stelle der Fremdwahrnehmung, jenem Blick der Anderen der auf das Selbst fällt und mit seiner Neugier das Bedürfnis hervorruft, sich zu bedecken, tritt die Selbstwahrnehmung. Wenn im Zentrum der palimpsestartig verwobenen Komposition "Quelle" das überdimensionale Portrait der entblößten Vagina steht, die von glamourösen Frauenbildern flankiert ist, wird nicht bloß der Derivatcharakter des Klischees sichtbar. Primär wird formal zusammengelegt, was eigentlich unvereinbar scheint: Das Klischee vom geglückten Frauenleben und die Wirklichkeit des leiblichen Daseins. Erforscht wird der Grad der Durchdringung von privaten und öffentlichen Bildern, wobei letztere in Gestalt von Schmuckelementen kranzförmig arrangiert werden. Die innerbildliche Funktion dieser Portraits ist eine primär ornamentale: Durch die rahmenartige Anordnung der einzelnen Vignetten indessen wird ihre Bedeutung als verbindliche Sinnträger zur Diskussion gestellt. Die konstruierten Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Bildelementen verdichten sich zum Zitat, welches die Allgemeingültigkeit des kritisierten Idealbildes über alle Schranken von Rasse und Stand hinweg in seiner historischen Dimension vorführt:

Mit dieser Sichtbarmachung des Konfliktes zwischen öffentlichen und privaten Bildern stellt Magdalena Frey die Ordnungen des Symbolischen und Imaginären erneut zur Dispostion. In Fortschreibung einer bereits von der Avantgarde begründeten Tradition der bildnerischen Technik, gelingt es ihren Montagen überzeugend, die gewohnte Ordnung der Wahrnehmung von Dingen und Verhältnissen aufzubrechen. Die spezifische Disparatheit der ineinander verflochtenen Bilder macht dabei Räume sichtbar, die sich der Betretbarkeit entziehen und zeitliche Abstände spürbar, die zwischen den Ereignissen liegen. Darin liegt das Geheimnis all dieser Arbeiten, welchen durchwegs die Repräsentation dessen gelingt, was an sich nicht darstellbar aber fühlbar ist: Jenes inneren Films der Vorstellung und Empfindung, der einen individuellen künstlerischen Standpunkt ausmacht.

© Edith Almhofer

Gumpoldskirchen, Dezember 2002