Im unteren Teil der Treppenstufe rechter Hand sah ich einen kleinen regenbogenfarbenen Kreis von fast unerträglicher Leuchtkraft. Anfangs glaubte ich, er drehe sich um sich selber, später begriff ich, dass die schwindelerregende Fülle dessen, was sichtbar in ihm vorging, an dieser Täuschung schuld war. Im Durchmesser mochte das Aleph zwei oder drei Zentimeter groß sein, aber der kosmische Raum war ohne Schmälerung seines Umfangs da. Jedes Ding (etwa die Scheibe eines Spiegels) war eine Unendlichkeit von Dingen, weil ich sie aus allen Ecken des Universums deutlich sah. Ich sah das bewegte Meer, ich sah Morgen- und Abendröte, ich sah die Menschenmassen Amerikas, ich sah ein silbriges Spinnennetz inmitten einer schwarzen Pyramide, ich sah ein aufgebrochenes Labyrinth (das war London), ich sah unzählige, ganz nahe Augen, die sich in mir wie in einem Spiegel ergründeten, ich sah alle Spiegel des Planeten, doch reflektierte mich keiner, (...), ich sah Weintrauben, Schnee, Tabak, Erzminen, Wasserdunst, sah gewellte Wüsten am Äquator und jeden Korn ihrer Sandmeere, sah eine Frau in Inverness, die ich nie vergessen werde, sah ihre wild flatternden Haare, ihre stolze Figur, ich sah einen Brustkrebs, sah ein Stück kreisförmige, getrocknete Erde am Bürgersteg, wo früher ein Baum gestanden war (…) ich sah Pferde mit wehenden Mähnen im frühen Morgen am Strand des Kaspischen Meeres, sah das zarte Skelett einer Hand, sah am Leben gebliebene Soldaten nach der Schlacht, wie sie Postkarten verschickten (…), ich sah Tiger, Kolben, Büffel, Wellenschläge und Heere, ich sah alle Ameisen, die es nur auf Erden gibt, sah ein persisches Astrolabium (…), sah die abscheulichen Überreste eines einst so reizenden Wesens namens Beatriz Viterbo, ich sah das Kreisen meines eigenen dunklen Blutes, sah die Umarmung der Geliebten und die Verwandlung des Todes, sah das Aleph aus allen Richtungen zugleich, sah im Aleph die Erde und in der Erde abermals das Aleph und im Aleph die Erde, sah mein Gesicht und meine Eingeweide, sah dein Gesicht und fühlte Schwindel und weinte, weil meine Augen diesen geheimen und gemutmaßten Gegenstand erschaut hatten, dessen Namen die Menschen in Beschlag nehmen, doch hat ihn kein Mensch je erblickt: das unfassliche Universum

Jorge Luis Borges: El Aleph

Woher kommt der Mensch und wohin geht er? Durch welche Erbschaften und welche Impulse wird dieser groß und wahr, jener klein und falsch? Und wenn es stimmen sollte, das „ein jeder Mensch Künstler ist” – warum lassen Millionen ihr unwiederbringlich irdisches Hüllendasein spurlos vergehen, und warum greifen andere zu Feder, Pinsel, Leinwand oder Kamera, um festzuhalten, was festzuhalten möglich oder ihrer Ansicht nach wert ist? Wer oder was entscheidet, was in einem wirkt?

Magdalena Frey, geboren 1963 in Graz, bildete sich als Krankenschwester aus, bevor sie die Fotografenlaufbahn wählte. Seit inzwischen zwei Jahrzehnten baut sie konsequent an ihrer eigenen Bilderwelt, in der immer wieder (intime) Körperdetails, Blut, medizinische Apparate – mit einem Wort: das Krankenhauserlebnis – als Motive auftauchen, jedoch nie als pure Zurschaustellungen des persönlichen Lebensweges, sondern jeweils eingebettet in komplexen Zusammenhängen.

Diese Bilderwelt wählte sich sehr früh, lange Zeit vor dem digitalen Dumping, die farbige Montagetechnik zum wichtigsten Ausdrucksmittel. Die Etappen weiblicher Existenz: die Frische des Mädchenseins, die blutige Schönheit weiblicher Sexualität, das gebrochene Licht des Reifen und die Trauer des Alters; die Einfachheit ländlichen Lebens, die schützende Atmosphäre der Naturnähe; emblematische Objekte gelebter Leben, Bilder im Bild – persönliche Erinnerungen, private Reminiszenzen, hinübergeführt in das Medium des Ausgestelltseins, in das kollektive Gedächtnis des „Publikums”. Die mutig-rohe Geste des Draufzeigens wird durch die feminine Weichheit der Übergänge ausgeglichen: wir sind auch so, sagen diese Bildkompositionen, ihre Komplexität, der polyphone Dialog ihrer Elemente jedoch verweigert sich jedes Mal den Schablonen des Nur-so-Seins.

Bekannte, typisch mitteleuropäische Welten, Gesichter und Kleidungen – in anderen Zyklen wiederum entferntere, außereuropäische Farben und Blicke, mexikanische, vietnamesische: aber auch diese erzählen in der gleichen Montagetechnik – manchmal an die unmittelbar-schlichte Narrativität spätmittelalterlicher Bilderbibeln erinnernd, dann wieder in vielschichtiger Komplexität – Geschichten, reihen Schicksale auf, stellen erlebte Leben in den Fokus.

In den Montagen über das Leben der ostslowakischen Romadörfer scheinen sich diese zwei Welten zu begegnen – man weiß, dass all dieses bunte Elend und all diese farbenfrohe Schönheit hier, von uns kaum einige hundert Kilometer weit zu Hause sind, dass die Dörfer oft zuerst ungarische und erst dann slowakische Namen bekamen, und dass all dies auch bei uns sein könnte – die kulturelle Distanz und die unbeschreiblichen Dimensionen der Armut jedoch scheinen wirklich von einem anderen Erdteil, sozusagen aus der dritten Welt, zu sein. Somit ist die dritte Welt hier, bei uns, sie lebt unter uns, nur dass wir sie nicht wahrnehmen, über sie nicht sprechen und auf diese Weise unsere kissengeschützte Gewissen beruhigen.

Einmal dort zu stehen, wo der Ich-Erzähler des Aleph, an jener bestimmten Stufe, und alles, aber wirklich alles auf einmal, zusammen zu sehen – Leben, Tod, Liebe, Geburt, Töten, Zerstörung –: Fotografen dürften von dieser nie zu befriedigenden visuellen Neugier, vom unbefangen forschenden Blick, vom natürlichsten Panvoyeurismus geleitet, um ein Leben lang Einzelaufnahmen zum allsehenden Grossen Überblick einzufangen. Die Bildmontagen der Magdalena Frey sind individuelle, in ihrer Polyphonie spannungsreiche Ausschnitte aus diesem unerzählbaren Bildganzen. Ich sah…

Lajos Adamik