Tabu-"Beschneidung"

von Marta Smolinska-Byczuk

 

Blut sickert durch weißen Stoff, intensives Rot sättigt eine weiche Unterlage und sammelt sich in einem engen Spalt. Im Mittelpunkt einer feuchten Substanz entsteht eine tiefe dunkle Furche. Eine Rasierklinge wird in die zarte Haut im Schamlippenbereich gedrückt. Hellrotes Blut umgibt den wehrlosen, rosenroten Leib. Das Einschneiden in das weiche weibliche Fleisch wiederholt sich als Zeichnung. Schwarzfarbige Blutstropfen stehen als Zeichen im Bild.

In einer weiteren Arbeit wird eine Vulva wie mit einem Reißverschluss versiegelt - Unzugänglichkeit - Abschließung - Jungfräulichkeit - Zwang - können assoziiert werden, wie aber auch andere Vorstellungen. Auf einem anderen Bild spannen sterile behandschuhte Finger die Haut im Schoßbereich und exponieren eine mit roten Fäden vernähte Vulva. Eine in den Schambereich gestochene Nadel suggeriert, dass der Eingriff noch nicht zu Ende geführt ist. Auf diese Weise zeigt Magdalena Frey im Zyklus "girls cut" das Zunähen und das Einschneiden weiblicher Geschlechtsteile, eine Art weiblicher Beschneidung - eines der umstrittensten Tabus unserer Gegenwart. Das Wort "zeigt" ist nur im übertragenen Sinn zutreffend, denn in den digitalen Collagen der Künstlerin wird dieses Einschneiden in künstlerischer Form dargestellt, bzw. imitiert und suggeriert.

Keine der Frauen, die beschnitten worden sind, lässt sich fotografieren. In dieser Situation geht Magdalena Frey einen metaphorischen Weg, sie bezieht Bildzitate in ihre Collagen ein. In einer Ebene des Bildes, vor einer beschnittenen Vulva erscheinen weibliche Gestalten, wie z.B. ein seilspringendes Mädchen, ein Mädchen, welches angezogen ist, wie eine erwachsene Frau, sowie ein Textbild. Diverse Motive dringen ineinander, überlappen oder heben sich voneinander ab. Dabei drängen sich unterschiedliche Fragen auf. Neben gesellschaftlichen oder kulturbedingten Anspielungen fokussieren sich in den meisten hier gezeigten Bildern die Inhalte auf das Phänomen der weiblichen Beschneidung. Magdalena Frey zeigt das Beschneiden als eine Form der speziellen Sozialisation, wie auch als Stigma, mit welchem sich Frauen sowohl im buchstäblichen Sinn, als auch als Metapher gekennzeichnet finden können.

In einer Mikrowelt digitaler Collagen aus dem Zyklus "girls cut" sieht sich die Frau beschnitten, verletzt, an einer ihrer zentralen Körperstellen, an ihrer Vulva "gekennzeichnet" (gebrandmarkt). Um diese Körperstelle haben sich vielerlei Metaphern gebildet. In ihr begegnen sich Mutterschaft, wie auch Ausgelassenheit, jungfräuliche Reinheit und Ausschweifung, die idealisierte Lebensquelle und die still schweigend zu übergehende allmonatliche Blutung, Sauberkeit und Schmutz, Vorstellung von Makellosigkeit und das mit Blut versorgte Fleisch.

Als Hermann Nitsch 2004 seinen Text für den Katalog der Ausstellung von Magdalena Frey in der Galerie Hofstätter schrieb, betonte er die Verwandtschaft und Nähe zum Wiener Aktionismus. Er hob bei Magdalenas Arbeiten die unverblümte Darstellung des Körpers als einen blutdurchpulsten Leib hervor.

Die Art und Weise, das menschliche Wesen in berührender und anregender Weise darzustellen, ermöglichte ihr in den Arbeiten "girls cut", Tabus direkt anzusprechen. In ihren frechen, metaphorischen Kompositionen wird ein Blick auf die aktuelle Weiblichkeit gewagt und angeregt. Magdalena Frey (be)schneidet mit ihren drastischen Bildpoesien ein behütetes Stereotyp an, sie dringt in Tabubereiche ein, wie Rasierklingen in den vor den Augen verborgenen weichen weiblichen Schoß.